Interview mit Dr. phil. Mathias Jung

„Die Schätze der Kindheit –
Wie ich sie heben und mich damit reich machen kann“

„Familie sollte ein Ort sein, der Sicherheit, Schutz und Nähe gibt: „Jeder Ort, an dem Kinder das erfahren, ist Familie. Familie ist ein Ort, an dem der Mensch zu Ende geboren werden kann.“

Heribert Prantl

Dr. phil. Mathias Jung

Kindheit ist nicht nur ein Paradies. Wie aber gelange ich dann doch zum bewussten Selbst?

Dr. Jung: Indem ich die Leiden meines „Schattenkindes“ seelisch bearbeite: Erinnern. Beweinen. Bewüten. Begreifen. Beenden.

Sie schreiben, wie wichtig es ist, trotz manchen Schwierigkeiten in der Kindheit zu Freude und Lust am Leben zu gelangen. Ist die Fähigkeit jedem gegeben?

Dr. Jung: Ja. Denn es gab auch mein „Sonnenkind“: Sein Temperament, seine Fröhlichkeit, seine Tiefe und Lebensfreude. Und die guten Feen und Zauberer am Lebensweg: Wenn nicht die Eltern, dann doch Opa und Oma, Tanten, Onkel, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Geschwister, Haustiere, Freunde, Spielgefährten…

Warum ist es so wichtig, sich auch als Erwachsene(r) der eigenen Kindheit mit guten Feen, Zauberern und Schutzengeln so genau zu erinnern?

Dr. Jung: Weil sonst die Kinderwunden ein Übergewicht bekommen.

Sie behaupten in Ihrem Buch: Wer sich nicht selbst erkennt, kann sich nicht entwickeln und zitieren den Satz „Er war tot mit zwanzig und starb mit achtzig“. Wie ist das zu deuten?

Dr. Jung: Weil ein Mensch sich nicht verändert hat. Er ist in seinen neurotischen Schutzmechanismen der Kindheit stecken geblieben: Sich verpanzern, keine Gefühle zeigen, Opferhaltung, Helfersyndrom, Daueraggression, Minderwertigkeitskomplexe.

Kindheit ist nach Ihren Worten Zerrissenheit zwischen Grandiosität und Minderwertigkeitskomplex…

Dr. Jung: Ja. Weil wir uns noch selbst ein Rätsel sind, über keine stabile Persönlichkeit verfügen. Weil wir noch nicht krisenfest sind. Wir müssen wie eine Schweizer Uhr stoßfest und wasserdicht werden. Das ist ein aufregender und schmerzhafter Prozess durch Irrtum und Erfolg.

Eltern, Großeltern, Schwestern, Brüder, Spielgefährten, Freunde und Tiere spielen eine wichtige Rolle auch bis ins Erwachsenenleben. Wie kann man die wertvollen Bindungen erhalten und aufbauen?

Dr. Jung: Indem man sich auf sie in Dankbarkeit besinnt und auffrischt. Das heißt, wir müssen auf die wichtigen Menschen unseres Lebens aktiv zugehen – „Hintern hoch“, statt im „gemütlichen Elend“ hockenbleiben.

Es gibt aber auch Traumata in der Kindheit, die lebenslange Auswirkungen haben. Welche Chancen auf eine mögliche Heilung sehen Sie? Gibt es in diesem Fall überhaupt eine Möglichkeit zur Aussöhnung?

Dr. Jung: Nicht immer. Man kann zum Beispiel einer als Kind missbrauchten Frau keine Zwangsversöhnung zumuten. Es gibt die Chance, aber keine Pflicht zum Verzeihen. Manchmal, in schweren Fällen, ist Unversöhnlichkeit auch eine Stütze.

Die Zuhörer seines Vortrages in Blieskastel dürfen gespannt sein:
Dr. Mathias Jung wird das Thema – wie gewohnt – lebendig präsentieren.
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Portrait Dr. phil. Mathias Jung

Dr. phil. Mathias Jung arbeitet als Gestalttherapeut und Philosoph am Gesundheitszentrum Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus in Lahnstein. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

Weitere Informationen unter www.gesundheitsberater.de und www.emu-verlag.de